Festschrift 1986 - Seite 2

Thüle im Wandel der Jahrhunderte 826 bis 1986

Thüle, im Hochstift Paderborn, hat noch eine Schwestergemeinde im Oldenburgischen. Es ist ein Wohnflecken mit gleichem Namen, ca. 8 km südlich von Friesoythe, an der B 72 gelegen. Die Ortschaft unterteilt sich in Vordersten- und Mittelsten-Thüle. Von diesem Dorf ist hier nicht die Rede, auch nicht von dem "ähnlich klingenden Thülen bei Brilon. Unser Dorf Thüle, das alte "Tinkili" im Treweresgau, liegt 8 Grad, 35 Minuten östlich vom Nullmeridian von Greenwich und 51 Grad, 42 Minuten nördlicher Breite. Meßpunkt ist die Kirche. Nach dem Koordinatensystem von Gauß-Krüger hat Thüle den Hochwert 573011, das heißt, 5730 km und 110 m nördlich vom Äquator.

Im Höhenniveau hat es 3 Meßpunkte: 1. Kirche: 97,735 m über NN 2. Gaststätte Lohre: 94,780 m über NN 3. Thüler Straße bei Weber: 92,493 m über NN

Die Grundfläche der Gemeinde beträgt 1.458 ha. Seit der Gebietsreform vom 1. Januar 1975 ist Thüle ein Ortsteil der Stadt Salzkotten. Die kommunalpolitische Selbständigkeit wurde den Dörfern durch dieses Gesetz genommen, und die Bestrebungen gingen sogar soweit, daß man die historischen Dorfnamen durch Nummern ersetzen wollte, auch in der Postanschrift. Thüle wäre dann als Salzkotten-7 geführt worden. Doch diese Bestrebungen sind von der dörflichen Bevölkerung nicht akzeptiert worden. Auch vernünftig denkende Verwaltungsbeamte haben diesen von der Landesregierung empfohlenen Unsinn nicht praktiziert.

Doch verlassen wir zunächst dieses Thema und wenden wir uns der alten Geschichte unseres Dorfes zu. Wie hat man vor 1160 Jahren Thüle örtlich bestimmt, als ein Graf Bardo seine Güter in "Thiuhili" dem Kloster Corvey an der Weser schenkte? Nach der Überarbeitung der alten Mönchlisten und Traditionen von Corvey, "Traditiones Corbeienses l" durch Prof. Klemens Honselmann, Paderborn, seit der Gründung dieses Benediktinerklosters im Jahre 822, ist uns hier eine Hilfe an die Hand gegeben.

Auf Seite 104 unter der Nr. 127 befindet sich folgende Eintragung:"(F 116, W 340) Traditi Bardo comes in Tiuhili, quidquid habuit. Testes: Hardmond, Hrannulf, Gherhard, Friduwerd." Die deutsche Übersetzung durch Pastor Gede lautet: "Der Führer (Lehrer oder Begleiter) Bardo aus Thüle übergab, was auch immer er dort hatte." Als Zeugen werden die unter "Testes" genannten Personen angegeben.

In den Anmerkungen zu dieser Schenkung, die Dr. Josef Tönsmeyer in seinem Buch 1968, "Das Lippeamt Boke" auf Seite 428 festgehalten hat, heißt es: "Tiuhili villa in Registro nostro ponitur intra agum Patherga. Designatur ergo sine ullo dubio vicus Thule intra terram episcopatus Paderbornensis haud procul ab oppido Saltzkoten, uno milliari circiter distans ab urbe Paderborna."

Auch hier eine Übersetzung von Pastor Peter Gede aus Thüle: "Das Landgut Thüle wird in unserem Register geführt, innerhalb des Padergaues. Also wird ohne irgendeinen Zweifel das Dorf Thüle als innerhalb des Bereiches gelegen angegeben, der zum bischöflichen Stuhl in Paderborn gehört, nicht gerade weit entfernt von dem Grund (Befestigung) der Salzkotten, ungefähr eine Meile (Meilenstein) Entfernung von der Stadt Paderborn."

Diese Schenkung ist nicht datiert, fällt aber nach Angaben der Quelle in die Zeit von 826 bis 853 (ab anno 826 usque 853 imperante Hludovico). Doch auch die Gemeinde "Thülen" bei Brilon nimmt in ihrer Geschichte Bezug auf den Grafen Bardo. In den Pfarrnachrichten für das Dekanat Brilon vom 26. November 1967 heißt es u. a.: "Thülen im Kreise Brilon wurde und wird häufig mit Thüle im Kreise Büren verwechselt. Beide Dörfer haben einmal Adelsgeschlechtern gleichen Namens gehört, nämlich den Grafen "zu Tuili". Durch Heirat kamen die beiden Dörfer mit ihren Liegenschaften in den Besitz einer der beiden Familien.

Urkundlich wird unser Thülen zum erstenmal um das Jahr 900 erwähnt. Der damalige Eigentümer, ein Graf Bardo, vermachte sein Gut "zu Tuili" dem Kloster Corvey."

Worauf mag diese zweigleisige Begründung fußen? Es steht außer Zweifel, daß auch Thülen eine uralte Geschichte hat. Doch hat "Giefers" in einer chronologischen Übersicht das Ministerialgeschlecht von Thüle durch mehr als drei Jahrhunderte verfolgt. Ministerialen waren in fränkischer Zeit vom König, von weltlichen und geistlichen Herrschern zu Hof-, Verwaltungs- und Kriegsdienst herangezogene Unfreie in gehobener Stellung. Daraus entstand seit dem 11.Jahrhundert ein Dienstadel. Giefers hat aber die Linien von Thülen und Thüle in einen Topf geworfen. Erst Dr. Tönsmeyer hat in seinem genannten Buch eine Entflechtung vollzogen. Auch die Anmerkungen zu der Schenkung an das Kloster Corvey geben erst Auskunft, wo sich dieser Besitz befand. Außerdem zeigen die Wappen der beiden Adelslinien Unterschiede. Die Linie von Thülen führt in ihrem Wappen das Einhorn, die Linie von Thüle dagegen Schilfkolben in ihrem Siegel.


Siegel

Als Kaiser Heinrich 11. 1021 dem Bistum Paderborn die Grafschaft, d. h. einen Gerichtsbezirk, des verstorbenen Grafen Liudolf übertrug, setzte er, vermutlich auf Wunsch von Bischof Meinwerk, fest, daß "weder Meinwerk noch seine Nachfolger die Grafschaft einem ihrer (adeligen) Vasallen oder einem anderen (Adeligen) zu Lehen geben durfte, sondern ein Ministeriale der Paderborner Kirche, der gerade im Amt war, sollte sie verwalten." Auf den Unterschied zwischen Altadel, der sogenannten Edelfreien und dem Ministerialadel soll hier nicht näher eingegangen werden.

Verwiesen wird auf die Broschüre von Dr. Rainer Decker, "Die Ritterschaft des Hochstifts Paderborn", in der heimatkundlichen Schriftenreihe 13/1982 der Volksbank Paderborn. Es ist daher nicht überraschend, daß in diesem Heft der Ministerialadel von Thüle nicht genannt wird, weil Dr. Decker sich vordringlich mit den Edelfreien befaßt. So ist dieser Ministerialadel von Thüle im Mittelalter für unser Dorf eine wichtige Geschichtsquelle. Im Frühmittelalter (6. bis 9. Jahrhundert) ist nur die Schenkung des Grafen Bardo bekannt.

Im Hochmittelalter (10. bis 13. Jahrhundert) tritt 1283 Nikolaus De Tüle als Zeuge in einer Schenkung auf. Im Spätmittelalter (13. bis 15. Jahrhundert) werden die geschichtlichen Quellen schon zahlreicher. 1351 erfahren wir von einer Schenkung des Johannes von Thüle und seiner Frau Beatrix an die neuerbaute Kirche St. Joan Bapt. zu Salzkotten. Es wurden 3 Hufen (ca. 90 Morgen) Land geschenkt. 1437 wird bei einem Verkauf von Johann und Peter von Thüle an Bernd von Hörde zu Boke in Thüle ein Pfarrhaus genannt.

Auch finden wir Hinweise, daß die Herren von Thüle eng mit der Entwicklung des Kirchspiels und der Pfarrkirche zu Delbrück verknüpft sind. Ferner spielt ein Gottschalk von Thüle eine Rolle bei dem "Hof auf dem Haupte" in Ostenland. 1626 starb Raban von Thüle. Sein einziger Sohn starb im Alter von 20 Jahren im kaiserlichen Lager an der Weser. Damit war das Geschlecht von Thüle im Mannesstamm erloschen. Die einzige Tochter Sybilla heiratete 1627 Gerhard von Ketteler zu Gerkendael. Der Besitzwechsel des Eigentums der Linie von Thüle an die Linie von Hörde zu Boke hatte aber bereits fast 200 Jahre vorher stattgefunden.

Doch auch die Linie von Hörde erlosch 1578. Erbberechtigt waren die Linien von Adelebsen, von Heiden, von Reden und von Alten. 1612 erkärten Bischof Dietrich von Fürstenberg und das Domkapitel zu Paderborn die Herrschaft Boke als Eigentum des Fürstbischofs und des Stifts und bestätigten den Besitz den Familien von Adelebsen und von Heiden. Von 1613 bis 1626 war ein Teil der Boker Güter mit dem Haus Thüle im Besitz Hennings von Rehden, der aber am 23.2.1626 unverheiratet starb. Seine Schwester Gertrud brachte als Erbin Haus Thüle ihrem Gemahl, Erberhard von Alten auf Wilckenburg und Hohensundem, mit in die Ehe als Brautschatz. 1671 übertrug die Familie von Heiden ihren Erbanteil aus der Linie von Hörde an die Familie von Fürstenberg in Herdringen, die auch heute noch in der Boker, Schweller und Thüler Gemarkung Grundbesitz hat.


Die Familie von Alten hat in Thüle bis 1841 residiert. An ihre Herrschafterinnert eine Grabtafel in der Thüler Pfarrkirche. Dieses Begräbnisrecht in Pfarrkirchen und Klöstern regelte der Erlaß "lnter sollicitudines nostra" durch Papst Bonifaz Vlll. vom 16.1.1302. Besondere Wohltäter für Kirchen und Klöster konnten nach diesem Erlaß, der heute noch gilt (Bischofsgruften), in der Kirche beigesetzt werden.

Einer der letzten Vertreter dieser Adelslinie, Friedrich, Freiherr von Alten, gestorben 1807 im Alter von 38 Jahren, ruht in Thüle auf dem Adelsfriedhof. Die Witwe verkaufte das Thüler Gut an den Makler Wilhelm Arntzen aus Lippstadt zum Preis von 60000 Reichstalern. 1848 verkaufte Arntzen 300 Morgen Ackerland an Thüler Kaufinteressenten. Im gleichen Jahr wurde Haus Thüle mit dem restlichen Land- und Forstbesitz von Wilderich von Ketteler erworben.

Wilderich von Ketteler und auch sein Sohn Wilhelm bewirtschafteten das Gut in eigener Regie und vergrößerten den Besitz durch Ankauf von Ländereien von Thüler Bauern. 1904 starb Wilhelm von Ketteler, der Rittmeister bei den 8. Husaren in Schloß Neuhaus war. Der Erbe, Franz von Ketteler fiel 1918 im ersten Weltkrieg. Somit wurde Josef von Ketteler Hoferbe. 1944 war Haus Thüle für ca. 6 Monate Sitz des Generalats der Franziskanerinnen von Aachen mit der Ehrwürdigen Mutter M. Brentano.

Am 1. Oktober 1965 verkaufte Josef von Ketteler seinen Besitz an Georg Freiherr von und zu Brenken auf Schloß Erpernburg. Er behielt aber für sich, seine Tochter Marie-Luise und der Hausdame Martha Barenberg Wohnrecht. Am 25.1.1983 starb Josef von Ketteler, fast 88 Jahre alt. Er wurde auf dem Adelsfriedhof in Thüle am 29. Januar 1983 beigesetzt. Damit haben wir die Adelsherrschaft von und in Thüle in einer groben Auflistung durcheilt.

Wenden wir uns nun der Kirchengeschichte und dem Leben in der Gemeinde im Laufe der Jahrhunderte zu.

Ein steinerner Zeuge aus dem Hochmittelalter über das Alter der Pfarrei ist der romanische, wuchtige Kirchturm. Seine Erbauungszeit unter Bischof Meinwerk fällt in die Zeit von 1010 bis 1020. Nach Dr. Alfred Cohausz, Bistumsarchivar ab 1936, ein hervorragender Kenner der Geschichte der Landpfarreien im Hochstift Paderborn und damit auch der Pfarrei Thüle, ist dieser Turm nicht in erster Linie als Wart- oder Wehrturm zu sehen.

Vielmehr hätte er seine Bedeutung als Glockenturm. Dr. Cohausz: "Wenn Bischof Meinwerk einen solch mächtigen Glockenturm erbauen ließ, dann ist das der sicherste Beweis über die Existenz einer Pfarrei, denn nur ein Pfarrer hatte das Recht zum Glockenschlag als Ruf für Zusammenkünfte. Der Glockenschlag war nicht nur die Aufforderung für die Gottesdienste, sondern jeder Bürger hatte, wann immer auch die Glocke ertönte, sich unverzüglich beim Turm einzufinden."

Ein Überbleibsel aus dieser Zeit ist heute noch im "Thüler Eid" verankert. Der Jungbürger muß u.a. geloben: "Wann'e in Lippsken Walle bis un höäst in Thuile de Brandklocken luin, dann mosde leopen!"

Daß auch in Thüle eine Glockensage existiert, unterstreicht noch diese Bedeutung. Die angenommene Abpfarrung von Boke im Jahr 1572 muß daher stark bezweifelt werden, denn wie bereits unter dem Adelsgeschlecht berichtet, wird 1437 ein Pfarrhaus bezeugt. 1572 ist die Jahreszahl über den Neubau eines Pfarrhauses, und als 1725 der Thüler Pfarrer Johannes Christopherus Contzen, gebürtig aus Schloß Neuhaus, mit dem Boker Pfarrer Samuel Friedrich de Weßner über die "Pfarr-Rechte" eine heftige Auseinandersetzung hatte, konnte Pfarrer Contzen die Thüler Pfarrechte eindeutig nachweisen. Zwar kann die Thüler Pfarrstelle im Mittelalter über einen langen Zeitraum vakant gewesen sein, auch ist es möglich, daß die Betreuung durch das Kloster in Boke vollzogen wurde, doch all das hat die Existenz der Pfarrstelle nicht berührt.

Namentlich bekannt war in Thüle bis jetzt als erster Pfarrer Johannes Crusius. Er wird 1630 genannt. Doch ein Pfarrer aus Thüle besuchte bereits 1602 die Herbstsynode in Paderborn. Im Frühjahr 1603 kam er zur Versammlung auf der Synode zu spät und es heißt über ihn in den Aufzeichnungen: "Tulensis sero venit, et gestavit rubei coloris Aibialia" Auch 1605 war er auf der Synode.

Merkwürdige Dinge schreibt Prof. Karl Hengst in seiner Dissertation unter dem Titel "Kirchliche Reform unter Dietrich von Fürstenberg (1585-1618)" im Wintersemester 1972/73 der Theologischen Fakultät Paderborn über einen Thüler Pastor. Vermutlich handelt es sich um den in der Liste vom Archidiakonat: Dompropst im Jahr 1575 geführten Vizikurat Konrad Smedt. Hier ist auch die Hinrichtung bekundet, ohne Namensnennung.

Der Bruder des Bischofs, Kaspar von Fürstenberg, berichtet in seinem Tagebuch zum 11.Juli 1591: "lch muß in underschiedtlichen peinlichen Zaubereisachen, wie dann auch des eingezogenen Pastors zu Thule halben Rath geben, wie zu verfahren", und am 12. Juli: "Der Pastor zu Thule wird hingerichtet mit dem schwerdt".

Prof. Hengst schreibt weiter: "Diese knappen Angaben lassen keinen eindeutigen Schluß zu über die Ursache dieser Hinrichtung. Handelt es sich um eine Zauberei oder irgendeine andere Kriminalsache?" In einer Anmerkung erläutert Prof. Hengst weiter: "Über ähnliche Ereignisse berichtet Klöckner in seiner Chronik: "Eß seyen auch dies Jahr (1589) im Ertzstitft Trier gar viel Hexen, Zauberer und Zauberinnen begriffen und verbrennet worden, so unsegliches und boßes gethann, ahn menschen und kirche, insonderheit Doctor flate ... wegen unersettlicher unkeuscheit ... deßelben gleichen auch ein Pfarherr undt Pastor vom dorff, ist mit dießem Laster behaftet." (Diese Information ist uns freundlicherweise von Herrn Heinrich Dickneite, Thüle, Westernstraße 29 übermittelt worden, Seite 112 und 267 der Dissertation von Prof. Karl Hengst, Verlag Schöningh, Paderborn, 1974.)


Zur Pfarrei gehört auch heute noch die Filial-Kirchengemeinde Scharmede.

Hier gründete, so das Thüler Pfarrarchiv, Pfarrer Matthias Hoff, gebürtig aus Elsen (er war Pfarrer in Thüle von 1652 bis 1687), im Jahr 1669 eine Kapelle, und 1664 ließ er für Thüle die älteste erhaltene Glocke, die Bauernglocke, gießen.

Das Thüler Pfarrarchiv beginnt 1656 und wurde im Jahr 1968 im Auftrag von Pfarrer Heinrich Müller vom Bistumsarchivar, Herrn Dr. jur. Alfred Cohausz, geordnet und katalogisiert. Nach einem Findbuch sind gesuchte Schriftstücke nun schnell greifbar. Beim Jubiäum der Schützenbruderschaft 1961 gab es diese Ordnung im Pfarrarchiv noch nicht.

Darum an dieser Stelle einen herzlichen Dank an Herrn Dr. Cohausz und Pfarrer Müller für ihre Bemühungen um die Thüler Kirchengeschichte. Um 1200 wurde der Turm um ein Geschoß höher gezogen und ein Kirchenraum mit Chorraum von 3 Joch Länge mit Kreuzgewölben angebaut, nach Abbruch der alten Kirche.

1600 wurde der Kirchenraum abermals um ein Joch nach Osten erweitert und nördlich eine Sakristei angebaut.

Der Innenraum hatte nun eine Länge von 32 m und ist im Schiff 7,25 m breit. 1897/98 erfolgte der große Anbau im neugotischen Stil durch Pfarrer Josef Borgmeyer.

Pfarrhaus

Nach Süden wurden das Mittelschiff und ein Seitenschiff angebaut und der Fußboden um mehrere Stufen angehoben. Das neue Gotteshaus wurde am 29. November 1898 eingeweiht. Die sehr wertvolle und kostbare Inneneinrichtung erhielt die Kirche am Anfang dieses Jahrhunderts.

1923 erhielt diese neue Kirche ihre erste Innenausmalung durch Herrn Biermann aus Delbrück Die drei Bilder an der Zwischenwand zur alten Kirche, mit Szenen aus dem Leben vom Kirchenpatron St. Laurentius, sind von dem Kunstmaler Lautenbach aus Münster.

Wegen der Inflationszeit wurde mit Roggen und Papiergeld bezahlt. Die Kosten betrugen 614 Billionen, 776 Milliarden, 615 Millionen und 600 Tausend Mark, umgerechnet 1.325 Goldmark. 1969 wurden unter Pfarrer Heinrich Müller umfangreiche Reparaturen am Turm vor- genommen, ein neuer Glockenstuhl wurde montiert, die Turmuhr und das Läutwerk repariert, wobei die Turmuhr neue Ziffernblätter erhielt.

Im März 1970 begannen die großen Renovierungsarbeiten im Innenraum der Kirche. Der Fußboden wurde wieder auf die ursprüngliche Tiefe abgesenkt, damit die Stolperstufen im Nordeingang verschwanden. Die Kirche ist nun körper behindertengerecht gebaut. Ohne Stufen erreicht man den Innenraum, der durch die Absenkung des Fußbodens in der Höhe der Halle domähnlichen Charakter bekommen hat. Die sehr gut gelungene Renovierung ist ein bleibender Verdienst von Pfarrer Heinrich Müller.

Doch auch in der kurzen Amtszeit von Pastor Reinhard Bürger ist wertvolles Altertum liebevoll restauriert und wieder montiert und für die Wetterfestigkeit des Gebäudes kräftig investiert worden. Alle Zinkabdeckungen des Kirchendaches, einschließlich der Dachrinnen und der Blitzschutzanlage, wurden durch Kupfermaterial ersetzt. Schließlich wurde auch noch als Wärmeschutz das ganze Deckengewölbe mit einer dicken Isoliermatte abgedeckt. Auch hier einmal ein Dankeschön an die Mitglieder des Kirchenvorstandes als Sachverwalter des Kirchenvermögens. Die Existenz dieses Verwaltungsrates wird in der Nachbargemeinde Hörste schon seit etwa 1100 schriftlich bezeugt. Nicht der Pfarrer war der Verwalter des Kircheneigentums, sondern dieser vom Volk bestimmte Personenkreis.

Damit sind auch die Themen der Gesellschaftsordnung und die Rechte und Lasten der Bürger im Mittelalter und der beginnenden Neuzeit angeschnitten. Der wichtigste Berufsstand war der Bauer, zumindest im Mittelalter und der Neuzeit. Auch heute noch ist dieser Beruf in Thüle eine wichtige Erwerbsquelle.

Nach einer Statistik aus dem Jahr 1980 sind in Thüle immer noch 29,3% der Bevölkerung in der Land- und Forstwirtschaft tätig. Die Durchschnittsgröße der Betriebe beträgt 15,2 ha. Über das bäuerliche Leben seit der Christianisierung berichten mehrere Autoren und Geschichtsforscher .Über die Altbauern von Thüle berichtet Dr. Josef Tönsmeyer bereits 1961 in mehreren Artikeln der Heimatzeitschrift "Die Warte". Doch auch die heimatkundliche Schriftenreihe 12/1981 der Volksbank Paderborn berichtet in einem sehr informellen Werk von Bruno H. Limen und Heinrich Rüthing über "Bauern und Landwirtschaft im Paderborner und Corveyer Land 1350-1600".

Aus diesen Berichten ist zu entnehmen, daß kaum ein Bauer Eigentümer war von dem Land, was er bewirtschaftete. Der Grund und Boden gehörte kirchlichen Institutionen oder adeligen Familien. Sie hatten das Obereigentum, das "dominium directum". Die Bauern hatten ein zeitlich begrenztes oder unbegrenztes Nutzungsrecht. Die wichtigsten Formen der Abhängigkeit waren: grundherrliche Abhängigkeit, leibherrliche Abhängigkeit, gerichtsherrliche Abhängigkeit und kirchliche Abhängigkeit. Weil für die Thüler Bauern die leibherrliche Abhängigkeit zutraf, soll diese Rechtsform besonders erklärt werden.

Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit, sind zwei Typen grundherrlich gebundener Bauern zu unterscheiden, der freie Meier, der nur über Pachtabgaben an seinen Grundherrn gebunden ist und der eigenbehörige Meier, der sowohl leib- als auch grundherrlich gebunden ist.

Seit dem 14. Jahrhundert schälte sich im Paderborner Land das freie Meierrecht heraus. Es bewirkte, daß sich auch die Lasten der leibherrlich gebundenen Bauern, der Eigenbehörigen, deutlich verringerten. In der Bewirtschaftung kannte man die Drei-, Vier- oder sogar die Fünffeldwirtschaft. Doch genauere Berichte über die Thüler Bauern im Mittelalter liegen nicht vor. Daß Thüle im Mittelalter aus zwei Ortschaften bestand, Ost-Thüle und West-Thüle geht aus einer Urkunde vom 26.1.1350 hervor: der Knappe Alrad von Drewer verkauft den Gebrüdern von Ostinchusen seinen Hof in Ost-Thüle (siehe Bildband Thüle, Seite 203). Eine zweite Urkunde vom 1. 9.1356 berichtet: Der Priester Johann von Ostinchusen und der Knappe Alrad von Drewer einigen sich wegen zweier Höfe in Ost-Thüle (Bildband Thüle, Seite 207).


Bis zum Jahr 1633 bestand dieses Ost-Thüle aus sieben Bauernhöfen. Ihre Namen waren: Sonntag, Hölscher, Jüttemeier, Kessler, Gees, Wigge und Stümmeler. (Georg Hilker",Land und Leute in Thüle", Seite 56).

Diese Parzelle heißt heute noch: "Über den Höfen" ' Die Bauern Kessler und Gees machten um diese Zeit im 30jährigen Krieg von sich reden. In Salzkotten lagerten die Schweden als Besatzung unter dem General von Knyphausen, der auf der Krevetburg in Verne Quartier bezogen hatte. Drei dieser Besatzungssoldaten kamen nach Thüle in das Mühlenbruch, um zu fischen. Die beiden Ostthüler Bauern vermehrten aber den Soldaten ihre Fischereigelüste.

Es kam zu einem handfesten Streit, bei dem die beiden Thüler zwei Schweden erschlugen. Einer aber entkam und meldete diesen Vorfall seinem General. Dieser kam mit einer Abteilung Soldaten nach Thüle zur Laurentiuslinde und verlangte von den Thülern Sühne. Der General verlangte entweder zwei neue Soldaten oder für jeden toten Schweden 200 Taler. Die Thüler erfüllten diese Forderung nicht, darum wurde Ostthüle von den Schweden eingeäschert. Nur Lösekes Speicher blieb erhalten.

Daß die Landpfarrei Thüle im 30jährigen Krieg durchaus eine wehrhafte Gemeinde war, darüber berichtet Prof. Dr. Memens Honselmann in der Zeitschrift der Erzdiözesen Paderborn "Der Dom", Ausgabe Nr. 42 vom 16. Oktober 1977. Überschrift: "Vor 350 Jahren: Die geraubten Liborius-Reliquien kehrten nach Paderborn zurück! Die räuberische Tat des "tollen Christian" von Braunschweig (den Dr. Karl Auffenberg als Halbstarken der damaligen Zeit bezeichnet). Eine fromme Gräfin hütete die Reliquien in ihrer Schloßkapelle!" Christian von Braunschweig, 1616 siebzehnjährig vom Domkapitel in Haiberstadt zum lutherischen Bischof gewählt, hatte seit 1621 Fußtruppen und Reiter angeworben. Nachdem er schon zuvor in zwei Schlachten besiegt war, rückte er mit seinen Truppen am 28. Dezember 1621 bei Warburg in das Hochstift Paderborn ein und zog plündernd und brennend durch die Städte und Dörfer der Warburger Börde.

Am 2. Januar 1622 fiel Lippstadt, wo schon eine protestantische Bewegung war, am 21. Januar wurde Soest genommen. Am 31. Januar 1622 konnte er, nachdem ihm von seinen Gesinnungsgenossen die Stadttore geöffnet waren, auch in Paderborn einziehen. Dort raubte er den kostbaren Liboriusschrein und ließ in der Münze zu Lippstadt die berühmt-berüchtigten "Christians-Taler" schlagen ("Christian von Braunschweig, Gottes Freund, der Pfaffen Feind"). Die Reliquien ließ er in ein Tuch wickeln, es zunähen und versiegeln. Bei seinem Silbergeschirr verwahrt, führte er die Reliquien auf seinen weiteren Kriegszügen mit. 1626 kehrte er doch in die Heimat zurück und erlag dort einem Fieber. In Paderborn bedurfte es großer Mühen, bis man die Gebeine vom hl. Liborius in der Schloßkapelle von Neuviller, südlich von Nancy, wiederentdeckte.

Aber es dauerte fast noch vier Jahre, bis am 12. Januar 1627 der Landdroste Wilhelm von Westphalen und der Domdechant, Adolf von der Recke, der spätere Fürstbischof, nach Bonn reisten, um die Reliquien dort abzuholen. Vermutlich im März 1627 kam die Gesandtschaft zurück und brachte die hl. Gebeine in die Schloßkapelle von Neuhaus. Dort blieben sie, bis Meister Krako aus Dringenberg, aus 130 Pfund angeliefertem Silber den neuen Prunkschrein fertigte. Das Material für die Vergoldung hatte der Meister wohl selbst besorgt.

Am 31. Oktober, das war der Sonntag vor dem Allerheiligenfeste, konnte dann die Überführung nach Paderborn stattfinden. Prof. Honselmann schreibt:"Die Reliquien wurden von Neuhaus in einer Prozession herangebracht. Die Pfarren Eisen, Thüle, Boke, Delbrück und Neuhaus gingen hinter Kreuz und Fahnen voran. Es folgten die Schützengruppen der Landgemeinden mit ihren Waffen, denen Pfeifer und Trommler voranzogen.

Folglich bestand schon 1627 in der Pfarrei Thüle eine wehrhafte Schutztruppe und es ist daher nicht verwunderlich, daß 1633 die beiden Thüler Kessler und Gees, als sie sich durch die schwedischen Soldaten in ihrem Recht verletzt fühlten, diese ganz miserabel mit dem Dreschflegel hauten auf ihren Schnabel! Doch auch der Braunschweig-Wolfenbüttelsche Generalstab muß sich 1647 in Thüle einquartiert haben, der Regimentstab befand sich in Driburg. In seinem Buch "Dringenberg, Stadt, Burg und Kirche im Wandel der Jahrhunderte" berichtet Pfarrer Dieter Pöppel auf Seite 54 über einen Einquartierungsbefehl an Dringenberg, der am 23. November 1647 in Thüle ausgestellt wurde. Das Original befindet sich im Pfarrarchiv von Dringenberg.

Durch das hier Berichtete ist eine klare Beweisführung erbracht, daß Thüle im 30jährigen Krieg nicht ganz unbeteiligt davongekommen ist. Ein Dorf, das eine alte Geschichte hat, braucht sie nicht erst erdichten. Sie ist da und ist beweisbar. 1648 wurde dann endlich durch den "Wesffälischen Frieden" zu Münster und Osnabrück der 30jährige Krieg beendet. Kurz danach beginnen auch ab 1656 die Aufzeichnungen im Thüler Pfarrarchiv. Auch der Fürstbischof, Ferdinand 11. (1661-1683), veranlaßte eine Generalübersicht über sein Bistum und verordnete zugleich eine Reorganisation der Landwirtschaft nach der Katastrophe des 30jährigen Krieges. 1672 ordnete er eine Gesamtaufnahme im Gerichtsbezirk Boke an. Nach den Aufarbeitungen von Dr. Tönsmeyer (Warte Heft 3, März 1961) wurden in Thüle damals 41 Bauernhöfe und Kötterstellen registriert.


Beim Vergleichen der Besitzgröße in den Nachbargemeinden Boke und Hörste fällt auf, daß der Eigenbesitz der Thüler Bauern bei weitem höher war als der in den Nachbargemeinden. Während in den Kirchspielen Boke und Hörste kein Altbauer mehr als 50 Morgen an Acker und Wiese besaß, verfügten in Thüle einige Vollmeier über nahezu 100 Morgen und etliche Halbmeier über ca. 50 Morgen. Ausschlaggebend war die Getreideerzeugung auf der Thüler Feldflur, während bei der Knappheit an Wiesen und Weideland die Viehhaltung eingeschränkt werden mußte.

Das Verner Bruch, heute Thüler Moorkomplex, war damals noch nicht kultiviert. Das Haslei und das Rauschfeld waren Waldgebiete, ebenso der Molkenberg. Nur die Wiesen im Mühlenbruch, an Erlenbach und Gunne und im Barbruch und Rietenbruch konnten als Weideland genutzt werden. (Der Emmersberg und weite Teile vom Nordfeld und auf dem Brinke waren Heidelandschaft.) Nach dieser Schätzung soll hier nur der größte Vollmeier, Johann Löseken, genannt werden. Dieser wurde mit 1 Taler als Schatzung eingestuft. Er hatte 95 Morgen Ackerland und 3 Morgen Wiesenwachs. In der personellen Einstufung wird dieser Johann Löseken wie folgt beschrieben: Vollmeier, eigenbehörig, seine Frau Liseke, beweinkauft (Entschädigung für den Lehnsherrn auf das Recht auf die erste Brautnacht bei eigenbehörigen Bauern), Kinder: Marieke, Jösteke. Auf dem Hof des Meiers Schwestern: Klärke und Gerdrüke und sein Bruder Lips, der alte Liftüchter Johann.

Löseke hat 90 Morgen Land gepachtet von der Dreckburg und dem Pastor zu Lippspringe. Erbteilung hat das Domkapitel. Besitztum außer dem Pachtland: 14 Morgen. Dienst: 7 Tage bei der Heufuhr und mäht 1 Tag für den Dompropst. Dienstgeld: 13 Schillinge, 2 Hühner und 20 Becher Sendkorn. (Sendkorn ist Saatkorn, der Becher war ein Hohlmaß für Schüttgetreide, gleich dem Scheffel, dessen Größe vom Landesherrn festgelegt wurde. Bei den Preußen hatte ein Scheffel, Berlinergemäß, ca. 60 bis 70 Pfund.) Das Verzeichnis von 1764 im Schatzungsregister gibt Auskunft über die Eigentumsverhältnisse.

Befehl

Danach gehörten dem Fürstbischof: der Halbmeier Rempe, dem Domkapitel: 2 Vollmeier und 12 Halbmeier, von Fürstenberg: 1 Vollmeier und 7 Halbmeier, Stutzenberg Paderborn: der Halbmeier Wiechert.An dieser Aufstellung fällt auf, daß allein in Thüle im Jahr 1764 fünf Höfe von den Grundherren vorübergehend eingezogen waren.

Verlassen wir nun dieses Kapitel, es weiter zu verfolgen würde den Rahmen sprengen. Doch wie sah es mit der Gesundheit aus? Die Lebenserwartungen waren zur damaligen Zeit nicht sehr hoch. Sie lagen im Durchschnitt bei ca. 35 Jahren. Von einer Pestepidemie ist in Thüle nichts bekannt. Doch andere Seuchen, wie die Tuberkulose, die Diphtherie und der Typhus waren Geißeln der Dorfbewohner und der damaligen Menschheit 1726 wird im Juli und August über eine schreckliche Seuche berichtet.


Der Chronist bezeichnet sie als die"Rote - Ruhr" ' Zur Abwendung führt man als Bittgang und Lobeprozession die Laurentius-Prozession ein. Sie wurde zusätzlich als Dank- und Bittgang zu den bereits bestehenden Prozessionen, der Lobeprozession am Pfingstmontag zur Abwendung eines schweren Unwetters im 16. Jahrhundert und der Fronleichnamsprozession (1700 eingeführt) für die Gemeinde verbindlich festgelegt. Alle drei genannten Prozessionen sind bis auf den heutigen Tag erhalten.

Ein großes Risiko war für die werdende Mutter die Geburt eines Kindes. Die Ursachen des Wochenbetffiebers, der "Sepsis", kannte man damals noch nicht. Daß diese gefährliche Infektion auch vor dem Wochenbett der Frau des Eberhard von Alten 1725 nicht Halt machte, bezeugt die Grabtafel dieser Frau, die heute noch in der Kirchenwand in der Nähe der alten Taufkapelle erhalten ist.

Erst der ungarische Arzt und Geburtshelfer Semmelweiß (1818-1865) erkannte die Ursache in der mangelnden Hygiene. Doch wie wichtig das Leben von Mutter und Kind angesehen wurde, bezeugt eine Urkunde vom 3. Januar 1767. "Nachdem die Thüler Frauen Gertrud Gangfoit zur Hebamme gewählt haben, ordnet der Archidiakon ihre Prüfung durch den Landchirurgen Reiniger an. Danach ist sie vom Pfarrer in Eid und Pflicht zu nehmen." (Protokollauszug des Archidiakonats unter Siegel und Unterschrift des Joseph Theodor Hillebrand, Aktuar, Blatt 109 f Thüler Pfarrarchiv.)

Über den "Siebenjährigen Krieg" zwischen Friederich 11. von Preußen und Maria Theresia von Österreich mit ihrem Minister Graf W. A. Kaunitz, wo ein Graf von Reitberg als eifriger Widersacher des Iten Fritz" mitmischte befinden sich in Thüle keine Aufzeichnungen. Doch interessant ist vielleicht, daß in dieser Zeit durch böhmische Flüchtlinge in unseren Landen die Ortschaft Kaunitz gegründet wurde, die sich zum Unterschied von Kaunitz in Böhmen zuerst Neukaunitz nannte. Die Französische Revolution, die bereits 1789 begann, doch den Höhepunkt von 1792 bis 1795 erlebte, blieb auch für unser Land nicht ohne Folgen. Der französische General Napoleon Bonaparte konnte 1795 bis 1799 den royalistischen Aufstand niederwerfen.

Scheffel

Es herrschte nun das Direktorium, und mit einem Staatsstreich ergriff Bonaparte 1799 die Macht in Frankreich. Er gab Frankreich eine neue Gesellschaftsordnung, den"Code civil" (1804), die auch heute noch in Frankreich gültig ist. Im gleichen Jahr krönte er sich selbst zum französischen Kaiser Napoleon 1.

Er gründete die Confödäration du Rhin'(Rheinbund), dem zunächst 16 süddeutsche und westdeutsche Fürsten beitraten. Sie machten sich unabhängig vom"Heiligen römischen Reich deutscher Nation". Darauf legte der letzte römisch-deutsche Kaiser, Franz 1., die deutsche Kaiserkrone nieder und nannte sich nur noch Kaiser von Österreich. Damit hatte das tausendjährige deutsche Reich 1806 ein Ende gefunden.

Doch die Preußen hielten sich schadlos und verstaatlichten die kirchlichen Fürstentümer und Klosterherrschaften.


Im August 1803 wird durch die Säkularisation das Fürstbistum Paderborn, zu dem auch Thüle gehörte, aufgehoben, das Amt Boke wurde 1804 ebenfalls aufgehoben und die Gerichtsbarkeit nach Neuhaus verlegt. Der Fürstbischof Franz Egon von Fürstenberg blieb nur noch geistliches Oberhaupt der Diözese.

1806 kam es zum Krieg zwischen Preußen und dem Rheinbund unter Führung von Frankreich. Die Gemeinde mußte aus diesem Anlaß an ein in Paderborn befindliches Militärmagazin liefern:"14 Scheffel 11 Metzen Roggen, 86 Scheffel 4 Metzen Hafer Berliner Gemäß, 30 Centner Heu und 3 Schock 47 Bund Stroh, dabei ohngefehr 12 Mann zu Trainknechten und Soldaten; nach Beverungen aber 59 Scheffel Roggen und 160 Scheffel Hafer."

Von 1807 bis 1813 gehörte Thüle zum Königreich Westfalen unter König Jerome Napoleon (Bruder lustig), der in Kassel residierte. Als im Zuge der Befreiungskriege in der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis 19. Oktober 1813 die napoleonische Herrschaft in Deutschland beendet wurde, kamen bei der Verfolgung Napoleons 6000 Kosaken nach Salzkotten, besetzten die Stadt und kampierten in einem Zeltlager. Sie kamen aber nicht nur als Befreier, sondern durch Diebstahl und Erpressung brachten sie Unheil auch in die Thüler Gemeinde. Aus dieser Zeit soll sich im Schloßpark von Thüle noch ein Russenfriedhof befinden.

Nach den Befreiungskriegen kamen auch die Reformen von Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein (1757-1831) zur Wirkung. Das von ihm erlassene Edikt vom 9.10.1807:"Bauernbefreiung und Aufhebung ständischer Beschränkungen" wurde nun verwirklicht. Maßgeblich daran beteiligt war Karl August Reichsfreiherr von Hardenberg, der im Auftrag des Königs, Friedrich Wilhelm 111., eine Denkschrift zur Neuordnung des preußischen Staates und der Reformen des Freiherrn vom und zum Stein verfaßte. Durch diese Neuordnung wurde auch mit Gesetz vom 12. Dezember 1817 den Gemeinden die Auflage gemacht, ab 1818 eine Ortschronik zu führen. Diese Ortschronik mußte laut Gesetz am Anfang eines jeden Jahres"einem erlesenen Personenkreis" zur Kenntnis ebracht werden.

Der erste Chronist war ein Gemeindebeamter "de Ridder". Wenn man die handgeschriebenen Niederschriften betrachtet, gemessen an unserer heutigen Handschrift, so sind sie wahre Kunstwerke. Es wurde schwungvoll mit dem Gänsekiel geschrieben, doch wer diese Schrift heute lesen will, der muß sich in ihr schon fleißig üben. Lesen und schreiben können bedeutete damals schon Macht; denn mit der Schulbildung war es nicht gut bestellt. 1824 unterschrieben die Thüler Gemeindechronik zwei von den Gemeinderäten noch mit drei Kreuzen. Die Thüler Gemeindechronik ist übrigens bis auf den heutigen Tag lückenlos geführt, auch als nach dem letzten Krieg keine gesetzliche Verpflichtung mehr bestand.

Unser Dorf besitzt in ihr eine wertvolle Heimatliteratur. Das Lehramt zu diesem Zeitpunkt war meist mit dem Küster- und Organistenamt verbunden. Der Unterricht wurde in der Wohnung des Lehrers erteilt. Er beschränkte sich aber meist auf das Lesen und Schreiben. Wer noch im Rechnen unterrichtet wurde, der zählte schon zur Elite. Namentlich bekannt als erster Lehrer von 1715 bis 1743 ist ein gewisser Brück. Doch unter den Preußen wurde es mit einem Lehrer Caspar Seiters - 1800 bis 28.11.1832 - schon besser. Ein Sohn von ihm studierte und starb als Dr. August Seiters, Domherr in Hildesheim. Die Preußen begannen nun auch nach preußischer Gründlichkeit, ihr Hoheitsgebiet genauer zu erfassen.

1829 wurde das Kirchspiel Thüle von den Katastergeometern Drolshagen und Kretzschmer vermessen. Die erste Katasterkarte der Gemeinde Thüle mit den Gemarkungen Thüle und Scharmede zeichnete ein Bereau und wurde am 15. Oktober 1830 von dem Obergeometer Vorlaender in Paderborn unterschrieben. Das Original dieser Karte befindet sich im Archiv vom Katasteramt in Büren. Auch damals gab man schon eine Lagebezeichnung auf dem Erdball an: parallel zum Perpendicular (Dom) von Cöln 24000 Minuten östlich und parallel zum Meridian von Cöln 31200 Minuten nördlich. Doch wie hat man gut 100 Jahre vor dieser Zeit die Lage von Ländereien im Fürstbistum Paderborn beschrieben?

Darüber gibt ein Protokoll vom 15. Mai 1710 Auskunft :"Franz Theobald Vierfuß, Verwalter des Herrn von Alten auf Haus Thüle, dem die Gemeinheit Thüle in der westeren Richterwiese zwischen Bentelers und Stömmelers Garten freiwillig, und zwar lastenfrei, verehrt hat, läßt sich notariell durch den Richter und Vorsteher der Dorfschaft Thüle, Borius Witte und Otto Sallemeyer, diese Schenkung beurkunden. Verhandelt auf dem Amtshaus Boke vor den Zeugen Friederich Pogge und Friederich Könighausen. Otto Wösthoff, kaiserlicher Notar und Delbrücker Landschreiber, beglaubigt. (Blatt 34 f. Thüler Pfarrarchiv)". Aber auch ihre militärische Stärke präsentierten die Preußen in den Dörfern Thüle und Scharmede.
Weil die Gemeindechronik auf Seite 85 bis 87 darüber 1836 und 1837 berichtet, soll sie hier wörtlich sprechen:"1836! Im Laufe des Jahres wurden im Kirchspiel Thüle geboren 44, es starben 36 und wurden Getraut 14 Paare. Die Kornpreise waren im Monat um ein Geringes gesunken. Der höchste Wärme Grad betrug im Laufe des Jahres 24 und der höchste Grad der Kälte 11 Grad. Die Frühjahrs Witterung war durchschnittlich nas und der Bestellung der Äcker nachtheilig. Die Witterung im Sommer war sehr fruchtbar, dagegen trat Anfangs September fortwährendes nasses Wetter ein. Am Abend des 30. Novembers trat ein starkes Gewitter mit Platz Regen ein, und hielt die nasse Witterung bis zum 29. Dezember an. An diesen Abende entstand ein schrecklicher Sturmwind, welcher mehrere Häuser abdeckte, alte Bäume entwurzelte, und wird allgemein Behauptet, daß man seit 1799 einen solchen Sturm nicht erlebt habe.


Katasta


Im Herbst dieses Jahres fand das große Chormanöver dahier statt, und war das Lager im Nordfelde aufgeschlagen. Es waren in der Gemeinde Thüle einquartiert

1. Stab der 13ten Landwehr Brigade

2. Von der Weseler Reserve Pionier Companin 3 Offz. 1 Feldwebel, 5 Unteroffz. und 24 Gemeine

3. Ein Gensdarmerie Wachtmeister mit 15 Gemeine

4. 20 Wäscherinnen

5.1 Commando vom 13 Infanterie Regiment

6.1 Offz. 4 Unteroffz. und 41 Gemeine desgleichen vom 15 Infanterie Regiment 1 Offz. 4 Unteroffz. und 41 Gemeine

Die durch das Manöveriren beschädigten Ländereien wurden abgeschätzt und erhielten die Einwohner sowohl für den Verderb an Früchten, sowie an ihren Ländereien zur vollen Zufriedenheit vom Staat Entschädigung. Dies Manöver hat den einstimmigen Wunsch hinterlassen recht bald wieder zu kehren. 1837! Die ganze Einwohner Zahl betrug am Schluß des Jahres 1836 666 darunter 338 weibliche Personen, in der Ehe lebten 105 und wohnten 7 Juden im Ort. Die Gemeinde Einwohner haften 61 Pferde und 10 Füllen, 23 Ochsen 171 Kühe und 105 Stück Jung Vieh 318 Schaafe 28 Ziegen und 156 Schweine.

Der Monat Januar war sehr gelinde der höchste Grad der Kälte betrug 8 und der der Wärme 7 Grad. Der Berl. Scheffel Weizen kostete 1 Reichstaler 15 Silbergroschen, Roggen 1 Reichstaler Gerste 25 Silbergroschen Hafer 14 Silbergroschen Kartoffeln 8 Silbergroschen. Der Verkehr während des Manövers war sehr erwünscht und brachte Geld in diese arme Gemeinde." Auch der Hauptlehrer Georg Hillker berichtet über dieses Manöver in der Schulchronik Band 1, Seite 2:"lm Jahre 1836 war bei Thüle großes Manöver Der damalige Kronprinz und nochmalige König Friederich Wilhelm IV war auch hier. Er logierte auf der Talle bei Paderborn." Daß der Chronist die zusätzliche Geldeinnahme durch den Manöverbetrieb besonders hervorhebt, hatte einen triftigen Grund. Die Bauern mußten für ihre neue Freiheit hohe Abgaben an die preußische Tilgungskasse zahlen.

Konnte ein Bauer nicht zahlen, so beweist ein Quittungsbuch aus jener Zeit, daß man ihn sogar in Schuldhaft nahm. Geld konnte man nur selten leihen und wenn, dann meist bei Wucherern. Wer einmal in diese Klauen geraten war, der hatte bald seinen Hof verloren. So mußten auch in Thüle mehrere Bauern ihre Höfe aufgeben. Einige von ihnen wanderten aus nach Amerika. Im Jahr 1851 waren es in Thüle 35 Personen. Hatte der Bauer kein Geld, so lebten auch die Handwerker in bitterer Armut. Die nun freien Bauern hatten in der Erbfolge das römisch-liberale Gesetz. Dadurch kam es bei der Erbfolge oft zur Zerstückelung der Höfe. 1842 erfolgte die Spezialteilung der "Gemeinheiten" der sogenannten"Almedei" ' Zur Verteilung kamen 2465 Morgen, die nach Meierqualitäten aufgeteilt wurden.

Der Königliche"Zehnte" wurde in eine Rente umgewandelt, die durch 20fachen Betrag abgelöst werden konnte. Im Jahr 1861 fand in Preußen die Neuregelung der Grundsteuer statt. Zur Feststellung der Reinerträge waren für die einzelnen Kreise Veranlagungskommissionen gebildet, die unter dem Vorsitz eines Regierungskommissars arbeiteten. Kommissar für den Kreis Steinfurt war Freiherr von Schorlemer-Alst, der am 20. Oktober 1825 zu Heringhausen, Kreis Lippstadt, geboren, im Jahr 1853 von Freiherr Wilderich von Ketteler das in der Gemeinde Leer, Kreis Steinfurt, gelegene Rittergut Alst zu Eigentum erworben hatte. Seinem Blick für die Vorgänge im Wirtschaftsleben war es schon vorher nicht entgangen, daß der Bauernstand sich in einer schweren Krise befand. Er wollte den Bauern helfen und schrieb im Februar 1862 einen Brief an den Bruder des Wilderich von Ketteler, den bekannten Arbeiterbischof von Mainz, Wilhelm Emanuel von Ketteler.

Durch einen starken Bauernverband erhoffte er sich eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Bauern und fragte in diesem Brief den Bischof um seinen Rat. Zweifellos hat Bischof von Ketteler das Vorhaben gutgeheißen und die bei Schorlemer bestehenden Bedenken zerstreut, denn schon am 20. Mai 1862 fanden sich auf Schorlemers Veranlassung elf Landwirte mit ihm auf dem Hofe des Schulzen Düdingen in Borghorst zu einer Besprechung über die eventuelle Gründung eines Bauernvereins zusammen. Für die Ernährung der Bevölkerung war das Brot von besonderer Wichtigkeit Das erforderliche Mehl wurde in Handmühlen oder Mühlen mit Göbelantrieb gemahlen. Dort, wo genügend Wasserkraft vorhanden war, entstanden auch Mühlen, die mit einem Wasserrad diese Kraft zum Antrieb nutzten. Die älteste Wassermühle war bei Tüllmann (Mühlers) auf dem Sandberg am Erlenbach.

Doch die geringe Wasserkraft ließ nur einen Schrotgang zu. Nach dem 1. Weltkrieg baute der Pächter von den Kettelerschen Besitzungen eine Mühle mit Turbinenantrieb. Der Erlenbach wurde umgeleitet und zu einem Mühlenteich gestaut. Dieser Pächter Kannapé muß ein böser Geselle gewesen sein, denn es wird erzählt, daß er bei einer Auseinandersetzung mit dem Besitzer von Haus Thüle diesen mit der Schußwaffe bedroht hat. Hauptlehrer Georg Hillker prägte darauf den Satz: "in der Mühle Sancsusi, wohnt der böse Kannapé " Beide Mühlen haben schon lange den Betrieb eingestellt.


Gebacken wurde in den bäuerlichen Backhäusern, den sogenannten "Backs". Meist wurde am Backtag für mehrere Familien gebacken. Ein solches Backhaus ist in Thüle noch auf dem früheren Hof von Grundmeier-Brooks erhalten, heute im Besitz von Dr. med. Johannes Graf von Westphalen. Die erste Lohnbäckerei war in Thüle im Hause Krimphoff, die später von dem Bäckermeister Heinrich Schrewe übernommen wurde. Diese Bäckerei existiert heute noch.

Am Ende des 19. Jahrhunderts kaufte Josef Lohre ein Judenhaus in Thüle und eröffnete dort eine Bäckerei mit Lebensmittelladen. Später gab er den Backbetrieb auf und hatte nur noch den Laden und eine Gastwirtschaft. Nach dem 1. Weltkrieg eröffnete Anton Ewers in seinem Elternhaus eine Brot und Feinbäckerei. Dieser Betrieb ist heute eine Großbäckerei und der größte Tortenbödenhersteller in Europa. Kurz vor 1900 eröffnete Stephan Wigge eine Huf- und Wagenschmiede. Stephan Wigge hatte erst Stellmacher gelernt und dann noch das Schmiedehandwerk. Er war bekannt als besonders tüchtiger Wagenbauer. Sein Sohn Anton hat diesen Betrieb weitergeführt. Der Enkelsohn Franz betreibt heute dort eine Fertigung von Kunststoff-Fenstern und -Türen. Einen zweiten Betrieb für die Fertigung von Fenstern und Türen in Kunststoff und Metall hat vor einigen Jahren Heinz Jäger eröffnet.

In die Schmiede Berhorst-Fraune heiratete vor 1900 ein Ewers aus Salzkotten. Die Söhne Heinrich, Franz und Wilhelm führten den Betrieb weiter, nachdem der Vater schon sehr früh gestorben war. Ende der 20er Jahre bauten sie einen neuen Betrieb an der Thüler Straße auf. Durch die Mechanisierung in der Landwirtschaft nach dem letzten Krieg ist aus diesem Betrieb, jetzt unter der Leitung von Heinrich Ewers jun., ein namhafter Landmaschinenbetrieb geworden.

Im Schneiderhandwerk ging vor mehr als 50 Jahren der Schneider Bernhard Jürgensmeier aus dem Molkenberg in Winkhausen mit Schere, Elle, Bügeleisen und einer mit der Hand zu drehenden Nähmaschine auf Bestellung in die Häuser und nähte für groß und klein Kleidungsstücke nach Augenmaß. Bekannt war er unter dem Namen "Punkebernd". Nebenbei war er auch noch Heiratsvermittler, Hochzeitsbitter und Kellner bei Hochzeiten. Die anderen Schneiderstuben Lenzmeier, Tüllmann, Santüns und Münsterteicher existieren nicht mehr. Doch aus der kleinen Schneiderwerkstatt von Bernhard Werner, gebürtig aus Delbrück, ist unter seinem Sohn Heinrich und dem Enkelsohn Heinz ein beachtenswertes Bekleidungsunternehmen geworden.

Mehr als 50 Jahre war Hermann Obergassel als Malermeister tätig, bis er sich vor wenigen Jahren aus Altersgründen zur Ruhe setzte. Die Maurer Niggemeier, Lenzmeier und Benteler hatten keine Nachfolger, ebenso die Zimmerleute Gees, Benteler, Sallen und Eikel. Der Zimmermeister Konrad Sonntag verunglückte als Soldat im 1. Weltkrieg. Heinz Ludwig ist neuerdings in diesem Gewerbe tätig.

Herbert Berhorst nutzte die vorhandene Kiesgrube auf seinem elterlichen Grundbesitz zur vermehrten Kiesförderung. Heute läuft das Unternehmensangebot in Lieferung von Kies und Sand, Ausschachtungsarbeiten und Pflasterungen. 1974 hat Alfred Kalle mit seiner Ehefrau Maria, geb Gerdes, einen Blumengroßhandel eröffnet. Für Heizungsbau und Installationen bieten die Fachbetriebe Heinz-Georg Feldewert und Hubert Gees qualifizierte Dienstleistungen an.

Im Jahre 1949 hat der Friseurmeister Walter Tietz aus St. Andreasberg/Harz zusammen mit seiner Ehefrau Anni in Thüle einen Damen- und Herrensalon eröffnet. 1969 wurde in Salzkotten ein 2. Geschäft eingerichtet. Der Betrieb wird heute von seinem Sohn, dem Friseurmeister Hans-Joachim Tietz, geführt. Am 30. Dezember1883 gründete der Bevollmächtigte des Wesffälischen Bauernvereins in Thüle eine "Spar- und Darlehenskasse". Erster Rendant war der Lehrer Joseph Plahs. Durch dieses Geldinstitut, der heutigen "Volksbank Thüle", kam mehr finanzielle Sicherheit in die Gemeinde. Waren die Anfänge auch zunächst sehr bescheiden, so konnte man doch bei Geldnöten und Investierungen, bei entsprechender Sicherheit und Kreditwürdigkeit, ein Darlehen zu reellen Zinsen bekommen. Diese Bank, heute in repräsentativen eigenen Räumen, mit Zweigstellen in Scharmede und Benffeld und einer Mitgliederzahl per 31.12.1985 von 1755 mit 2323 Geschäftsanteilen, verwaltet z. Z. durch 18 Mitarbeiter, davon 2 Auszubildenden, 1 Halbtagskraft, eine Bilanzsumme von rd. 63 Mio. DM.

Die Volksbank ist aus unserer Gemeinde nicht mehr wegzudenken. Etwa 10 Jahre vor der Gründung unserer Volksbank wurde die Währung auf Mark und Pfennig umgestellt, das metrische Maß wurde eingeführt und das Dezimalgewicht. Vor dem 1. Weltkrieg begann Stephan Brockmann (Jütten Stäfken) mit einem Schlachtbetrieb. Die Schweine wurden als "Hakenschöhr" verarbeitet und die Dauerware hauptsächlich in's Ruhrgebiet verschickt.


Sein Sohn Josef gab den Schlachtbetrieb auf und verlegte sich mit seinem Bruder Johannes (Brockmanns Doktor) auf Viehhandel. Der Enkelsohn Franz ist weiterhin als Viehkaufmann tätig. Doch viele handwerkliche Angebote, die im vorigen Jahrhundert noch lebensnotwendig waren, existieren nicht mehr. Die Stellmacher wurden durch Karosseriebauer verdrängt und der Holzschuh ist nicht mehr eine alltägliche Fußbekleidung.

Leistete sich ein Elternpaar, zum Teil noch vor dem 1. Weltkrieg, gemeinsam ein Paar Lederschuhe für den sonntäglichen Kirchgang, so ist heute das Angebot der Schuhfabriken in den Verkaufsläden von üppiger Mode bestimmt. Die Schreiner- und Stellmacherbetriebe Dribusch-Agethen und Remmert sind heute Bautischlereien. Das Drechseln ist zum Hobby geworden, ebenso das Spinnen und Weben. 1939 machte sich Heinrich Eikel als Gärtner selbständig. Der Betrieb wurde 1948 von seinem Bruder Konrad übernommen, der die Gärtnerei inzwischen an seinen Neffen Heinrich Weihs übertragen hat. Heinrich Weihs betreibt zusätzlich noch ein Fachgeschäft in Paderborn.

Die Entdeckung der Steinkohle und die Erfindung von elektrischem Strom ließ Fabriken und Großbetriebe entstehen und führte zu Ballungszentren, in die auch die ländliche Bevölkerung auf der Suche nach Arbeit abwanderte. Sie wurden teilweise zu Waffenschmieden für zwei unselige Weltkriege. Waren die Kriege von 1864/66 und 1870/71 verhältnismäßig noch harmlos, 5 Thüler mußten dabei ihr Leben lassen, so forderten die beiden Weltkriege 1914/18 und 1939/45 nicht nur 152 Opfer aus der Thüler Gemeinde, sondern es blieb ein total zerstörtes Deutschland zurück. Millionen Deutsche mußten ihre Heimat im Osten verlassen, und ein Teil dieser Vertriebenen hat nach 1945 auch in Thüle eine zweite Heimat gefunden. Eine falsche Weltpolitik, der Parteienstreit in der Weimarer Republik und die große Arbeitslosigkeit ab 1928/29, verbunden mit der Weltwirtschaftskrise, hatte 1933 Hitler zur Macht verholfen, und mit dem Nationalsozialismus begann das dunkelste Kapitel in der deutschen Geschichte.

Ein zweigeteiltes Deutschland läßt auch heute, nach mehr als 40 Jahren seit Kriegsende, die tiefen Wunden nicht vernarben. Die schlimme Zeit des letzten Krieges kann sich die heutige Jugend nicht vorstellen, auch die Zeit nach dem Kriege bis 1948, als sich durch die Währungsreform am 20. Juni 1948 eine bescheidene Normalisierung anzeigte. Aus dem zerschlagenen Deutschland ist in der Bundesrepublik ein Wohlstandsstaat entstanden. Das Auto ist der Deutschen liebstes Kind geworden. Autobahnen und Schienennetze schlucken den riesigen Verkehr und Weltflughäfen sind Start- und Landeplätze für Flugzeuge, die Reisende und Urlauber in wenigen Stunden in andere Kontinente bringen. Eine Überproduktion an Lebensmitteln und Konsumwaren ist vorhanden, beseitigt aber nicht den Hunger und die Probleme in der Dritten Welt. Atomwaffen in den großen Machtblöcken von Ost und West bedrohen das Leben auf unserem Planeten.

Die fahrenden Weltpolitiker gebrauchen oft das Wort Frieden, doch der Mensch spricht meistens gerne von dem, was er am wenigsten hat; denn kriegerische Auseinandersetzungen in der Welt geschehen bis in die heutige Zeit. Machtstreben vereitelt eine soziale Gerechtigkeit. Der Mensch hat den Mond betreten, und die Raumfahrt ist fast schon zum Alltag geworden. Das Fernsehen bringt Bilder und Nachrichten aus aller Welt in jedes Haus. Massenmedien berieseln die Menschen, und es gibt kaum noch materielle Wünsche, die nicht erfüllbar sind. Aber hat unsere Gesellschaft dafür nicht einen hohen Preis gezahlt?! Ist sie nicht innerlich ärmer geworden und kann oft die Welt nicht mehr verstehen?

Das Wohlstandsdenken hat die Generationsfamilie zur Seltenheit werden lassen, und es bleibt für alte Menschen oft nur als letzte Station das Altenheim. Drei Generationen unter einem Dach, das ist nicht mehr der Regelfall, doch Gott sei Dank ist in Thüle so etwas noch vorhanden. Die Jugend hat heute glänzende Bildungsmöglichkeiten an Hochschulen und Universitäten, aber was die Bildungsfabriken nicht vermitteln können, das ist die Lebenserfahrung des Alters, die früher, beim Wohnen in der Generationsfamilie, als Selbstverständlichkeit mit allen Problemen an die Nachfolgegeneration vermittelt wurde.

Die Geschichte ist für den Menschen auch heute noch eine wertvolle Orientierungshilfe. Sie gibt uns einen Einblick in den Werdegang unserer Gesellschaftsordnung. Vieles wäre hier noch zu berichten, aber vieles liegt noch in der Dunkelheit des Unerforschten, auch in der Geschichte unseres Dorfes Thüle. Vielleicht findet sich einmal ein junger Student, der die Geschichte unseres Dorfes wissenschaftlich aufarbeitet, eventuell sogar eine Dissertation darüber schreibt und dem dieser Bericht vielleicht als Anregung dient; denn, um mit den Worten von Monsignore Dr. Wilhelm Kuhne, Rektor der Landvolkshochschule "Anton Heinen" in Hardehausen, zu schließen: "Studieren und informieren und wiederum studieren und wenn jemand meint, er wüßte schon sehr viel, dann merkt er erst, wie viel er noch nicht weiß!"


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